Hintergrund

Unabhängigkeit vom Sudan

Nach jahrzehntelangen, immer wieder aufflammenden Bürgerkriegen zwischen Nord und Süd im damaligen Sudan wurde unter der Obhut der Vereinten Nationen 2005 endlich Frieden zwischen der Zentralregierung und der Volksbefreiungsbewegung im Süden (SPLM) geschlossen (Naivasha-Abkommen) und der Südsudan 2011 schließlich in seine Unabhängigkeit entlassen. Als Region im Süden war dieser Teil des ohnehin entwicklungsarmen Landes von der Militärregierung gegenüber den Nordprovinzen in jeder Hinsicht zusätzlich vernachlässigt worden.

Im Zuge der neuen Staatsbildung wurde die 1956 mit der Entkolonialisierung neben allen Sprachen der einheimischen Volksgruppen eingeführte Amtssprache Arabisch im Südsudan wieder durch Englisch ersetzt. Das Schulsystem wurde geändert und – nach der Zerstörung im Bürgerkrieg – jede Menge neue Schulen gebaut, auch wenn ein Großteil des Unterrichts mit über hundert Schülern pro Klasse wegen fehlender Räumlichkeiten noch unter freiem Himmel (oder Bäumen) stattfindet. Die Analphabetenquote im Südsudan liegt heute immer noch bei über 65 % (Männer: 60 % / Frauen: 71 %) und damit (nach drei anderen Ländern in der Sahelzone) an vierter Stelle weltweit (vgl. Sudan: 39 % – Männer: 35 % / Frauen: 44 %). Auch wirtschaftlicher Aufschwung und die Bildung von Infrastruktur blieben bislang aus. Doch immer mehr Eltern wollen, dass ihre Kinder zur Schule gehen.

Schulbildung

Die Schulbildung umfasst acht Grundschuljahre, gefolgt von vier Jahren Sekundarschule und dann vier Jahren Universitätsausbildung. Die primäre Sprache im Unterricht ist nun wie gesagt Englisch, im Gegensatz zur Republik Sudan, wo die Unterrichtssprache Arabisch ist – was nicht heißt, dass alle Kinder im Südsudan heute schon Englisch sprechen. Wir sind es gewohnt, die „Schuljahre“ auf Altersklassen zu beziehen, das funktioniert hier nicht, weil viele Schüler erst um Jahre verzögert mit der Schule beginnen oder erst nach Jahren der Unterbrechung die Schule zur nächsten Stufe wechseln. Noch gravierender ist, dass die durchschnittliche Zahl der absolvierten Schuljahre gerade mal 5 ist – das ist die niedrigste weltweit –, viele Kinder ihren Schulbesuch also mitten in der Primarschule bereits abbrechen. Die Quote der Kinder, die die Grundschule erfolgreich abschließen, ist bei den Jungen 8 %, bei den Mädchen 7 %.

Kinderehe

Mädchen trifft es dabei in besonderer Weise. Auf deren Schulbildung wurde in der traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau bislang kaum Wert gelegt. Es gab und gibt den Brauch der Kinderehen (CEFM im Südsudan). Mädchen brauchen dann vermeintlich nicht zur Schule zu gehen, sie müssen nur jung verheiratet werden, um für ihr Leben „versorgt“ zu sein. Und die Eltern – egal ob arm oder reich – erhalten einen Brautpreis (Vieh auf dem Land, Geld in der Stadt) und haben „ein Maul weniger zu stopfen“. Über die Hälfte aller Mädchen wird schon im Grundschulalter, ab 12 Jahren, zwangsverheiratet, ein Drittel von ihnen ist schon schwanger und wird dann – wenn sie überhaupt zur Schule gingen – aus dem Unterricht genommen. (Anm.: Wir brauchen dies nicht auf eine muslimische Gesinnung zurückzuführen, der Codex Iuris Canonici der katholischen Kirche sieht für Mädchen ein Mindestalter von 14 Jahren vor.) Die Sterblichkeitsrate dieser „Kindermütter“ ist so hoch wie in keinem anderen Land der Welt, bei der Kindersterblichkeit ist der Südsudan auf Platz 6. Die Regierung – soweit sie denn handlungsfähig ist – versucht dies inzwischen zu unterbinden.

Nil-Musteroberschule Dschuba (Südsudan)

Ein Programm zur Beseitigung der Benachteiligung von Mädchen an einer Musterschule im Südsudan

Seit Oktober 2023 ist eine deutsche Soldatin, Oberstlt, für zwei Jahre als eine der Militärbeobachterinnen der Vereinten Nationen im Rahmen von UNMISS in der Hauptstadt Dschuba. Zusammen mit ihren Kameradinnen aus den anderen UN-Staaten hat sie bei ihren Streifzügen auch Schulen in der Stadt aufgesucht und sehr schnell die missliche Lage insbesondere der Mädchen dort erkannt. Die UN hat eine Stelle für Gleichstellungsfragen vor Ort (Gender Affairs Unit), die sich auch der speziell im Schulwesen nach wie vor in der traditionellen Rollenverteilung so verbreiteten Benachteiligung der Mädchen annimmt. Sie unterhält enge Verbindung zum staatlichen Bildungsministerium (MoGEI). Die UN-Frauen beschlossen, sich hier konkret einzubringen, und die deutsche Soldatin wandte sich an Lachen Helfen, um das Thema, das ja schon über viele Jahre im Verein begleitet und gefördert wird – zum Beispiel von 2007 bis 2022 unter anderem in Afghanistan und seit 2013 auch im Sudan/Südsudan, wieder aktuell in Angriff zu nehmen.

Sie machten im Rahmen des staatlichen Programms, die Zahl der Mädchen an den Schulen nachhaltig zu erhöhen, eine Bestandsaufnahme der Situation an einer der vorbildlichen Schulen in der Stadt, einer sog. Nil-Musteroberschule (Nile Model Secondary School). Wir kennen die Zahl der Schüler nicht, aber es sind nur etwas mehr als 60 Mädchen. Die sollen, auch wenn sie schwanger werden, die Schule bis zum Abschluss fortsetzen und – nicht im Verlauf ihres Monatszyklus wegen der so unterentwickelten Versorgung mit Mitteln der Monatshygiene – dem Unterricht immer wieder fernbleiben.

Das besondere Schicksal der Schulmädchen

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Wenn bei den heranwachsenden Schulmädchen der Monatszyklus einsetzt, in der Regel irgendwann ab einem Alter von 13 Jahren, dann bleiben sie dem Unterricht fern und verkriechen sich zu Hause. Während bei uns industrielle Artikel zur Monatshygiene im Gebrauch sind, die das Leben im Alltag mitbestimmen, sind die Mädchen in diesen Ländern auf sich selbst gestellt und müssen irgendwie damit umgehen. Das hat zur Folge, dass es keine Mädchenschulklasse in dieser Altersstufe gibt, in der stets alle Schülerinnen am Unterricht teilnehmen. Es fehlen immer welche, und ein geordneter Lehrplan ist in der Praxis kaum umzusetzen. Hier tritt jetzt Lachen Helfen mit auf die Bühne.

So wurde ein Plan zur Einrichtung eines Mutter-Kind-Raumes mit entsprechender Ausstattung erstellt, eines Betreuungszimmers mit Ruhe- und Spielbereich, in dem die Kleinkinder gehalten werden können, während ihre jungen Mütter dem Unterricht beiwohnen.

Aber vor allem wurde eine Liste an Hygieneartikeln für den Menstruationszyklus aufgestellt und ein Programm entworfen, wie im Falle einer Unterbrechung der Versorgung Stoffreste aufbereitet und mit natürlich absorbierenden Stoffen gefüllt behelfsmäßig als Monatsbinden gebraucht werden können.

Darüber hinaus stellten die Soldatinnen fest, dass es keine Schülerbibliothek an der Oberschule gab. So stellten sie auch hier ein Programm an Lernmitteln zusammen, das den Kindern die Möglichkeit gibt, den Lernstoff ggf. nachzuarbeiten.

Zu guter Letzt stellten sie, als es bei einem der Besuche regnete, fest, dass das Schuldach undicht und stellenweise einsturzgefährdet war. So sorgten sie dafür, dass Reparaturmaßnahmen ergriffen wurden, und bekamen dafür vom Verein zusätzliche Mittel bewilligt.

Der Verein stellte noch im Jahr 2023 etwas mehr als € 700,– bereit für die Monatsartikel, die online beschafft und über die Feldpost nach Dschuba geliefert wurden. Die weiteren Mittel für die Ausstattung wurden dieses Jahr erst zum Teil abgerufen (€ 300,– von € 2.800,–), die Dachreparatur in Höhe von € 2700,– wurde bereits bezahlt.

Nil-Musteroberschule Dschuba (Südsudan)

Am 12. Juni 2024 war die große Übergabe. Die UN-Soldatinnen schafften nicht nur die besorgten Hilfsartikel in die Schule, sondern die deutsche Soldatin gab als Leiterin der UN-Gruppe eine tiefgreifende Einführung in das Thema der Monatshygiene und wie man die neuen Hygieneartikel dazu benutzt, auch in der kritischen Phase ein unbeschwertes Leben führen zu können. Die Mädchen waren sehr ergriffen und hörten gebannt zu. Am Ende waren alle Beteiligten – die Schülerinnen, die Lehrerin, die Soldatinnen – überglücklich, und auch die Jungen freuten sich ein wenig.

Nil-Musteroberschule Dschuba (Südsudan)